Geschichten am Dienstag

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Warum es immer wieder schneit
Am Abend meinte Lili, sie sei schon ganz verrückt wegen all dieser widersprüchlichen Informationen, wegen all dieser Regelungen und Maßnahmen, die teilweise völlig konfus und nicht nachvollziehbar sind, und angesichts der erzielten oder eben gerade nicht erzielten Wirkung offensichtlich auch völlig nutzlos.
Als ich ihr dann am Morgen dieses Schneefoto schickte, fragte sie: Ja, ist denn die Frau Holle jetzt auch schon völlig durchgedreht? Und da wusste ich es! Plötzlich war mir klar, warum es immer noch und immer wieder schneit.
Dass Frau Holle durch das Schütteln ihrer Betten im Winter für Schnee sorgt, wisst ihr alle. Aber was die Hollerfrau den Rest des Jahres zu tun hat, das weiß manch einer nicht. Oder doch? Sie ist die Schutzheilige aller Spinnerinnen und Spinner. Sie sorgt dafür, dass die Wiesen und Weiden grün sind, damit die Herden der Wanderschäfer immer genug zu fressen finden. Sie sorgt auch dafür, dass im Frühjahr der Hollerstrauch reichlich blüht, damit die Menschen aus den Blüten Sirup kochen und daraus den Sommer über Limonade machen können. Der Hollerstrauch ist ihr Strauch, von ihm hat sie ihren Namen, aus dem bezieht sie einen Teil ihrer Zauberkraft und natürlich sorgt sie für ihn, denn er muss wirklich viele Blüten haben, damit nach der Ernte im Frühjahr noch genug Dolden übrig bleiben, an denen über den Sommer Beeren wachsen können, erst grün {und giftig}, dann rot und im Herbst blauschwarz. Dann können die Menschen auch die Dolden ernten, die im Frühjahr stehen geblieben sind und daraus Saft oder Suppe kochen, die eine gewisse Heilwirkung haben.
Doch die Frau Holle tut noch mehr. Manchmal, wenn die Frauen des Dorfes in der Ratsstube des Dorfältesten oder auch im Dorfkrug {wenn es denn einen gibt} beisammen sitzen und spinnen, klopft es an der Tür und eine Fremde erbittet Einlass. Sie setzt sich zu den Frauen, holt ihre Spindel hervor und spinnt ein feines Garn. Dabei lauscht sie den Erzählungen der Frauen und bringt selbst Geschichten oder Nachrichten aus der Welt in die Dörfer. Wenn sie dann spät am Abend wieder geht, tut sie das nicht durch die Tür, durch die sie hereingekommen ist. Sie öffnet ein Fenster und wirft ihre Spindel hinaus. Diese schwebt dann einen Meter über dem Boden und das Ende des eben gesponnenen Fadens hängt waagerecht in der Luft. Auf diesen schwingt sich die Fremde und reitet darauf in die Nacht. Da erst erkennen die Frauen, wer in den letzten Stunden ihr Gast gewesen war, nämlich ihre Schutzheilige, die Frau Holle.
Und nun? Die Welt erstarrt im Lockdown. Seit Monaten darf keiner mehr vor die Tür. Dorfschänken bleiben geschlossen und auch in den Ratsstuben dürfen sich die Spinnerinnen nicht mehr treffen. Jede sitzt für sich allein daheim und bläst beim Spinnen Trübsal, denn wenn man sich gegenseitig keine Geschichten mehr erzählen darf und keine Fremden mehr Nachrichten aus aller Welt bringen, bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als trübsinnig zu werden. Nicht einmal beim Händler kann man mehr die Nachbarinnen treffen und einen Plausch halten, denn die Händler mussten ihre Läden zusperren. Manche kommen jetzt an die Häuser, um den Menschen ihre Waren zu bringen, aber auch da dürfen sie sich nicht aufhalten. Sie legen ihre Waren auf der Türschwelle ab, klopfen kräftig an die Tür, doch bis die Hausfrau diese geöffnet hat, sind sie schon wieder verschwunden. Freilich kommen Herolde in die Dörfer und verkünden lauthals in den Straßen die neuesten Nachrichten. Doch was sind das für Nachrichten? Immer nur schlechte, von Krankheit und Tod und neuen immer krasseren Verboten und Maßregeln, für die sich die Menschen nicht mehr interessieren, weil sie ohnehin in ihren Hütten eingesperrt sind. Schlimmer kann es doch kaum mehr kommen.
Und was hat das alles nun mit unserer Frau Holle zu tun? Die sitzt auch allein in ihrem Wolkenhaus, darf nicht auf die Erde hinab, nicht zu den Schafweiden, nicht zu den Holundersträuchern und erst recht nicht zu den Menschen in den Spinnstuben. Und es kann auch niemand zu ihr kommen, nicht einmal die Pechmarie. Selbst über deren Gesellschaft würde sich die Frau Holle jetzt freuen. Aber auch die Pechmarie sitzt in ihrem Haus und darf sich davon nur 15 km weit entfernen. Da kommt sie nicht einmal bis zum Brunnen, um hinein zu springen und erst recht nicht bis zu Frau Holles Wolkenhaus.
Und so sitzt unsere Frau Holle da oben ganz allein und langweilt sich und wird ganz langsam wirr im Kopf. Damit es nicht ganz schlimm mit ihr wird, läuft sie immer und immer wieder durch ihr Haus. Sie räumt hier etwas von da nach dort, zuppelt da an etwas herum und kommt bei ihren Runden durchs Wolkenhaus immer wieder an den Betten vorbei, die noch im Fenster liegen. Mal klopft sie nur ein wenig auf die dicken Kissen, manchmal nimmt sie eines hoch und schüttelt kräftig. Sie weiß, dass längst Frühling ist und sie mit dem Schütteln aufhören müsste, doch wenn sie durch ihr Wolkenfenster auf die Erde hinab schaut, sieht sie nichts als Chaos und Verwirrung und hört die Herolde die unsinnigsten Meldungen verbreiten. Dann schüttelt sie ihre Betten noch ein wenig kräftiger, um das Chaos unter dem Schnee zu begraben und die Herolde daran zu hindern, weiter mit ihren kruden Nachrichten durch die Welt zu ziehen.
Freilich zieht sie damit auch den Unmut der Menschen auf sich, deren Seelen wund sind und die sich bunte Frühlingsfarben wünschen, statt des ewigen Weiß.
Wenn Frau Holle dann am Fenster steht und der Unmut der Menschen bis zu ihr herauf dringt, dann sagt sie leise: Seid doch froh. Bei diesem Wetter fällt es euch leichter in euren Häusern zu bleiben und den Hausarrest zu ertagen, den eure Königin unverdient und nutzlos über euch verhängt hat. Haltet durch, meine lieben Menschen. Mehr kann ich im Moment nicht für euch tun.

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