02. Dezember 2025 – Adventskalender


23plus1
Tag 2 in Gabis Adventskalender
Das Thema lautet: Traum

Was war das? Ein leises Pling erklang, und ein winziges Wölkchen landete auf dem Schreibtisch. Wo kam es her? Und was geschah da? Ein Wölkchen, und sei es noch so klein, hatte nichts auf dem Schreibtisch zu suchen. Und wieso löste es sich nicht einfach auf?
Ich schaute genauer hin und entdeckte ein Persönchen, das innerhalb der kleinen Wolke hockte. Vielleicht 8 cm groß war es. Feingliedrig, so, wie ich mir Elfen vorstellte. Ein grünes Wams trug es und erdbraune Strumpfhosen. Dazu spitze grüne Schuhe und auf dem Kopf ein Hütchen, ebenfalls grün, von der Form einer Glockenblume.
Das Wesen hatte die Knie angezogen und die Ärmchen darum geschlungen. So saß es reglos auf meinem Tisch, umgeben von seiner Wolke. Ich nahm einen Buntstift aus meiner Stifteschale, passenderweise grün, und stupste es an. Vorsichtig, damit es nicht umfiel. Es regte sich, es reckte sich.
Dann stand es vor mir und fragte vorwurfsvoll: "Warum piekst du mich?"
"Entschuldige, ich wollte dir nicht weh tun! Aber wer bist du? Was willst du hier? Wie kommst du überhaupt hier her?"
"So viele Fragen", murmelte der kleine Kerl.
Dann lauter: "Ich bin dein Traum!"
"Mein Traum? Was denn für ein Traum?"
Ich war verwirrt. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Eben saß ich noch im Büro und brütete über amtlichen Unterlagen, und nun unterhielt ich mich mit einem Wicht, kaum größer als mein Mittelfinger, der behauptete, ein Traum zu sein. Sogar mein Traum.
"Schau mich nicht so ungläubig an", sagte er. "Sieh lieber zu, dass wir das hier zu einem guten Ende bringen."
Noch immer wusste ich nichts mit ihm anzufangen, doch so konnte die Situation nicht bleiben. Also fragte ich ihn, was genau er denn für ein Traum sei. Das sollte er mir erklären. Dann würde ich vielleicht wissen, wie ich ihn wieder loswerden konnte. Denn loswerden wollte ich ihn unbedingt, soviel stand fest.
Er schmunzelte: "So einfach wirst du mich nicht los. Das willst du auch gar nicht, glaube mir. Komm jetzt!"
Er pusteste von innen gegen die Wolke, und im selben Moment drehte sich alles um mich, als säße ich auf einem rasenden Kettenkarussell. Als könnte ich damit diesen irren Wirbel anhalten, ergriff ich seine Hand, die er mir entgegen streckte. Einen Wimpernschlag später stand die Welt um mich wieder still. Nur war ich nicht mehr in meinem Büro, sondern fand mich auf einer Waldlichtung wieder. An deren Rand, dort wo unter dichten Bäumen ein munterer Bach hervorsprudelte, stand ein Häuschen. Klein, aber gepflegt. Zu beiden Seiten der Eingangstür wuchsen Stockrosen, deren dunkelrote Blüten sich von der strahlend weißen Wand abhoben.
Sprachlos vor Staunen starrte ich die Lichtung und das Häuschen an.
"Erkennst du es?", fragte der Kleine.
"D-d-das habe ich schon mal geträumt", stotterte ich.
"Ich weiß!"
Dann wandte er sich ab und stapfte zielstrebig auf das kleine Haus zu. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Auf der Türschwelle blieb er stehen.
"Ich muss dich noch etwas fragen. Weißt du noch, was du damals geträumt hast?"
"Weißt du es denn nicht?"
"Was ich weiß, zählt nicht", erwiderte er. "Wichtig ist, ob du dich an deine Träume erinnerst oder ob du sie vergessen hast."
Nachdenklich strich ich mir übers Kinn. Was ich in jener Nacht geträumt hatte, wusste ich tatsächlich nicht mehr. Einzig die Lichtung mit dem Häuschen war mir in Erinnerung geblieben. Diese Bilder waren so intensiv, dass ich sie mir ins Gedächtnis rufen konnte, wann immer ich wollte. Wann immer ich das brauchte. Jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte, meinen Alltag nicht mehr zu ertragen, dachte ich an diese schönen Bilder. Sie waren meine Zuflucht, wenn aller Stress und alle Sorgen wie eiskalte Wellen über mir zusammenschlugen. Dann stellte ich mir vor, ich könnte alles hinter mir lassen. Den Ärger, die unbezahlten Rechnungen, die Menschen. Dann wünschte ich mir, ich könnte ein paar meiner Geschichten verkaufen, die ich in der Stille des Waldes und der Behaglichkeit der kleinen Hütte schreiben würde. Viel würde ich nicht zum Leben brauchen. Der Bach würde mir Wasser bringen. Pilze, Beeren und Kräuter fände ich im Wald. Und neben dem Häuschen könnte ich einen kleinen Garten anlegen, für Bohnen und Kartoffeln.
Oh ja, an diese Träume erinnerte ich mich genau. Tagträume, immer ein wenig anders und doch im Grunde immer gleich.
Als hätte er meine Gedanken gelesen und sei damit zufrieden, gab er die Tür frei. Ich trat ein und staunte schon wieder. Das Häuschen war fast so eingerichtet, wie ich es mir in meinen Tagträumen vorgestellt hatte. Mit einem wichtigen Unterschied: Auf einem Tisch am Fenster stand eine alte Schreibmaschine. In einer Schachtel glänzten die Verpackungen nagelneuer Farbbänder. Daneben in einem Regal lagen mehrere Päckchen Papier.
Fragend schaute ich den Kleinen an. Wortlos wies er auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand.
Während ich mich setzte und den ersten Bogen Papier einspannte, sah ich aus den Augenwinklen, dass er verblasste, wie eine alte Fotografie. Er wurde durchsichtig und dann gab es nur noch einen feinen Nebel, ein Wölkchen, das sich auflöste. Das Klackern der Schreibmaschine erfüllte das Häuschen.
Ich schrieb und schrieb und schrieb. Ich war glücklich.

2 Gedanken zu “02. Dezember 2025 – Adventskalender

  1. Was für eine wunderschöne Geschichte; ganz herzlichen Dank, liebe Mira!
    Mit ganz lieben Grüßen aus Aachen von Karin, die schon lange still mit viel Freude deinen Blog liest

    1. Liebe Karin, es freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen hat.
      Danke für deine lieben Worte und danke, dass du eine treue Leserin bist.
      Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß mit meinen Schreibereien und eine wunderschöne Vorweihnachtszeit
      Liebe Grüße
      Mira

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